SYMPOSIUM 2011


Rund 45 ArchitektInnen, LehrerInnen und SchülerInnen aus ganz Bayern (und darüber hinaus) kamen bei strahlendem Sonnenschein am Samstag, den 21.05.2011 zum ersten Symposium des TREFFPUNKT SCHULE nach Regensburg. Das Programm war interessant und vielfältig, der Tagungsort der Otto-Schwerdt-Mittelschule architektonisch reizvoll – ideale Voraussetzungen für einen interessanten Fortbildungstag und ein persönliches Kennenlernen von Akteuren und Interessierten vor Ort. 


Silke Bausenwein, Sabina Sommerer, Birgit Roider (von links)


Daniel Dörr stellt tano vor 

Eröffnet wurde die Veranstaltung nach der Begrüßung durch die Vertreter des TANO, die Architekten Silke Bausenwein und Daniel Dörr, mit der Vorstellung der Arbeit des Treffpunkts Architektur Niederbayern und Oberpfalz. Da dessen Netzwerkaktivitäten vor allem virtueller Art sind, ist auf der homepage www.tano.de der Aufbau einer Plattform für Austausch und Information zu Architekturthemen in der Region derzeit Kernaufgabe des TANO. Der Idee des Symposiums gemäß wird in der Rubrik „Treffpunkt Schule“ vor allem die Vernetzung verschiedener Akteure auf der Website des Veranstalters unterstützt. Ergänzend dazu werden weiterführende Informationen zu rechtlichen Fragen, Projektlinks und Literaturempfehlungen sowie Veranstaltungshinweise, sowohl in eigener Sache, in der Region und darüber hinaus geplant.


Prof. Dr. Riklef Rambow, Cottbus, Karlsruhe

Unter dem Titel „Ein Meer der Möglichkeiten… Architektur in der Schule“ startete der Hauptteil des Symposiums mit dem Vortrag von Prof. Dr. Riklef Rambow, Inhaber einer Gastprofessur für Architekturvermittlung an der TU Cottbus und seit 2009 Professor für Architekturkommunikation am Karlsruher Institut für Technologie. Da Architektur und Baukultur ein Thema ist, dass alle angeht, eignet es sich als Querschnittsthema besonders für die Vermittlung an Schulen, das Bezüge zu vielen Fächern, Disziplinen und aktuellen Fragen aufweist. Diese Vielfalt zieht zugleich aber auch eine Problematik nach sich, die sich bei vielen Pädagogen und Akteuren an den Schulen zeigt, nämlich die der Orientierungslosigkeit im schier unbegrenzten Meer der Möglichkeiten an Projektideen. Die Ausgangslage in der schulischen Praxis zeigt, dies unterstreichend, deutlich die vorhandenen Lücken. Nicht nur, dass Architektur eine Ausnahmerolle an den Schulen spielt, offenbart sich eine deutlich getrennte Wahrnehmung von Architektur und gebauter Umwelt. Das Empfinden der Schüler (und einem Großteil der Erwachsenen) ist stark visuell geprägt. Wir leben nicht in und mit Architektur, sondern betrachten diese lediglich als Anschauungsobjekt, ähnlich einem Kunstwerk. Eigene Einflussmöglichkeiten auf die gebaute Umwelt bleiben dabei meist unerkannt.


Christina Budde, Deutsches Architekturmuseum Frankfurt/Main

Die Zielstellung, was Architekturvermittlung leisten kann und will, zeigte der Erfahrungsbericht des Deutschen Architekturmuseum Frankfurt / Main (DAM) von der für Museumspädagogik zuständigen Kuratorin des Museums, Christina Budde, auf. Anstelle ausschließlich Programmangebote für Fachpublikum anzubieten, verfolgt das DAM künftig schwerpunktmäßig das Ziel, Architektur für alle erlebbar zu machen. Dies gilt vor allem für eine Zieltruppe, die bisher dem Museum häufig fern blieben: die bildungsbenachteiligten Kinder und Erwachsenen. Um dies umzusetzen arbeitet die Museumspädagogik in Frankfurt mit ganzheitlichen Ansätzen, entsprechend dem hessischen Bildungsansatz der Inklusion. Einmal mehr zeigt sich hier die Architektur als geeignetes Thema, gemäß dem reform-pädagogischen Ansatz des Lernens mit Kopf, Herz und Hand. Die im hessischen Schulmodell verankerte Architekturvermittlung im Kunstunterricht der 13. Jahrgangsstufe kann das DAM auf mehreren Ebenen unterstützen. Unter dem Titel „Architekturmuseum macht Schule“ werden so beispielsweise an verschiedenen Spielorten Frankfurts Schüler-Projekte veranstaltet, sozusagen als „Mobiles DAM“. Im eigenen Haus gibt es außerdem Workshops für verschiedene Altersstufen und Zielgruppen. Für Lehrer und Erzieher bietet das Architekturmuseum darüber hinaus regelmäßig Fortbildungen zum Thema Architektur an. Sie beinhalten Exkursionen zu verschiedenen Themen, u.a. zu Baustilkunde und der Frankfurter Moderne. Zugleich bekommen die Pädagogen Materialien und Ideen für die eigenständige Umsetzung von Architekturprojekten im Unterricht an die Hand.


weitere Informationen: www.moritzverlag.de 

Dazu zählen natürlich auch Literaturempfehlungen, wie das im Symposium vorgestellte Kinderbuch „Treppe Fenster Klo“ von den zwei jungen polnischen Illustratoren Aleksandra Machowiak und Daniel Mizielinski. Anders als die meisten Kinderbücher zum Thema, sofern es sie überhaupt gibt, nimmt es die kindliche Sicht der Leser auf und präsentiert „die ungewöhnlichsten Häuser der Welt“ auf Augenhöhe und Zielgruppengerecht. In seiner kreativen, spielerischen und witzigen Gestaltung fungiert es als Türöffner zur modernen Architektur. Der Nutzer bzw. Bewohner der vorgestellten Häuser und seine Bedürfnisse stehen jeweils im Mittelpunkt der Betrachtung. Ergänzt wird die Vorstellung der 35 Objekte durch Karten zur Verortung der weltweit realisierten Bauten, eine übersichtliche Erklärung der verwendeten Ikons wie die Vorstellung der Akteure, des Inventars und der Lesart des Katalogs zu Beginn. Da das Buch das selbst bestimmte, spielerische Lernen zu Hause ebenso wie die Teamarbeit im Unterricht auf vorbildliche Art und Weise unterstützt, wurde es vom Deutschen Architekturmuseum als empfehlenswertes Kindersachbuch ausgezeichnet.


Schulhausführung durch Schulleiter Klaus Dierl mit Anke Romanow und Porf. Dr. Riklef Rambow (rechts)

Nach einer Führung durch den modernen Ganztages-Schulbau der Otto-Schwerdt-Mittelschule in Regensburg-Burgweinting durch den engagierten Rektor Klaus Dierl und vier Schüler der 8. Jahrgangsstufe und der anschließenden Mittagspause, standen Erfahrungsberichte aus drei verschiedenen Projekten an Regensburger Schulen auf dem Programm. 


Stefan Vogl, BDB und Daniel Dörr, tano (von links)


Pia Foierl, Kunstpädagogin

Pia Foierl, Kunstpädagogin und Absolventin der Universität Regensburg, eröffnete den Reigen mit ihrem Erfahrungsbericht „Beton als Baumaterial im Unterricht“. Besonders anschaulich präsentierte sie ihr erstes Projekt zu diesem Thema, das sie an 2 verschiedenen Schulen im Rahmen ihrer Magisterarbeit über anderthalb Jahre entwickelte und realisierte. Unter dem Arbeitstitel „Behausung“ entstanden zwei bespielbare Kugeln aus Textilbeton, die heute auf dem Pausenhof der Grundschule Falkenberg genutzt werden. Als Ziele waren u.a. das Kennenlernen von verschiedenen Baustoffen, das Erfahren der 3-Dimensionalität in einer architektonischen Idee und Gespür für Raumbildende Mittel zu entwickeln, definiert. Der zum Teil große, materialbedingte Aufwand bei der Vorbereitung und Durchführung des Projektes wurde kompensiert durch die erlebte schöpferische Begeisterung der Schüler der verschiedenen Altersgruppen. Belohnt wurde die Innovativität des Projektes mit der Teilnahme in der Endrunde der „Kinder zum Olymp!“ 2011.Drei Schulhalbjahre stand das P-Seminar des Pindl-Gymnasiums unter der Überschrift „Innenarchitektur macht Schule“, das von den Schülern selbst ausgewählt worden war. In diesem Rahmen entstand in der neuen Schulaula die „Aqua-Lounge“, die von Schülern unter Betreuung der Kunstpädagogin Ingrid Westerboer und der Innenarchitektin und Bühnenbildnerin Stephanie Reiterer konzipiert und umgesetzt wurde. Sehr strukturiert erfolgte das Herangehen in der gemeinsamen Arbeit zwischen Schülern und Experten, beginnend mit einem gemeinsamen Besuch der internationalen Möbelmesse imm cologne 2010 als Auftaktveranstaltung. In den nächsten Schritten erfolgte die Vermittlung des grundlegenden Handwerks des Architektenberufs als auch die Einführung ins Management solcher Projekte. Parallel dazu übten sich die Teilnehmer in verschiedenen Entwurfs- und Kreativitätstechniken und sammelten in mehren Brainstorming-Phasen Material zum Thema. Der Abschluss der konzeptionellen Phase bildete die Präsentation aller Entwurfsideen in deren Ergebnis der zu realisierende Entwurf in einem demokratischen Verfahren gekürt wurde. Als Resultat wurde mit der „Aqua-Lounge“ in der gläsernen Schulaula ein Wohlfühlbereich geschaffen, bestehend aus Styroporsitzelementen und einem Meer an Papierzetteln, die von der Decke schwebend das Thema Wasser verdeutlichen, der von den Schülern des Pindl-Gymnasiums begeistert angenommen wird.


Silke Bausenwein, tano

In der Grundschule Prüfening absolvierten die jeweils 4.Klassen unter Anleitung von Architektin Silke Bausenwein über 3 aufeinander folgende Schuljahre die Begleitung der Baustelle für ihr neues Schulgebäude. Ausgehend von der Situation, dass sich die Schüler wie Lehrer wenig begeistert von der Baustelle unmittelbar vor ihren Klassenzimmern zeigten, wandelte sich diese Einstellung bereits beim ersten bewussten Beobachtung des Geschehens. Die Vermittlung von Grundlagen, wie das Lesen von Plänen, der Umgang mit Maßstäben oder der Modellbau weckte zusätzlich Fragen und Neugier der Schüler, die im Rahmen der Exkursion auf die Baustelle durch den Bauleiter beantwortet wurden. Eine weitere Möglichkeit zur Begegnung mit künftigen Architekturschaffenden bot sich den Grundschülern durch Studenten der Hochschule Regensburg, an der die Referentin seit dem Wintersemester 2010/11 einen Lehrauftrag für Architekturvermittlung inne hat. Ein Teil der Schüler realisierte gemeinsam mit den Studierenden Raummodule des künftigen Schulgebäudes, die anschließend zu einem Gesamtmodell zusammengefügt wurden. Sehr anschaulich konnte in diesem Beispiel die Architektur der künftigen Lernhäuser, realisiert in einem Haus-in-Haus-Konzept den Viertklässlern nahe gebracht werden. Wie der künftige Fußboden in den Klassenräumen aufgebaut ist und aus wie vielen Schichten er besteht, zeigte ein andere Arbeit der Studenten, die auch künftig als Anschauungsmodell in die Schularbeit einfließen kann. Als Zwischenergebnis in der Zusammenarbeit zwischen Grund- und Hochschule - für das kommende Schuljahr ist die Bearbeitung des Energiekonzeptes des Neubaus geplant - steht auf beiden Seiten eine positive Bilanz. Bei den Schülern wurden schlummernde Potentiale geweckt und Schlüsselkompetenzen zum Thema vermittelt, die sie künftig als Nachwuchs-Architekturvermittler bewusst einsetzen können. Die angehenden Architekten dagegen erlebten die Schüler als neugierige Partner, die aufgeschlossen und auch kritisch die Diskussion wahrnehmen und auch Konflikten auf ehrliche und ungeschminkte Weise nicht aus den Weg gehen. Daraus entwickelt sich für künftige Bauschaffenden der Wunsch, stärker die Schulen bzw. künftigen Nutzer in ihre Arbeit mit einzubeziehen. Der Architekturvermittlung als Teil der Bildung kommen damit große Chancen für die Baukultur zu.


Dr. Barbara Feller, Initiative Baukulturvermittlung Wien

Der abschließende Vortrag der Vorsitzenden der Initiative Baukultur, Dr. Barbara Feller, nahm den Begriff der Baukulturvermittlung auf und stellte die Erfahrungen in Österreich vor. Gegenüber den bisherigen Erfahrungen in Deutschland ist unseren Nachbarn in den letzten Jahren sehr erfolgreich gelungen, das Thema Architektur in und außerhalb der Schulen zu professionalisieren und auf breite und stabile Füße zu stellen. Einen weiteren Unterschied stellt die Verwendung der Begrifflichkeit dar. Statt Architekturvermittlung wird hier sehr bewusst die Verwendung des Begriffs „Baukultur“ propagiert, da dieser sowohl die Architektur an sich als auch andere Sparten der Raum- und Stadtplanung umfasst, wie auch das Prozesshafte des Bauens mit einschließt. Hervorging die Initiative Baukultur 2006 aus einem ersten Netzwerktreffen verschiedener Akteure auf diesem Gebiet. Dabei wurden sowohl schulische als auch außerschulische Projekte vorgestellt und in einer gemeinsamen Initiative zusammengefasst. Diese präsentiert seit dem auf seiner homepage www.baukulturvermittlung.at laufende und abgeschlossene Projekte, stellt die Akteure vor und vermittelt Informationen rund ums Thema. Neben diesem Netzwerk sind in Österreich auch diverse andere Verbände tätig, die die Vermittlung von Baukultur in Schulen wie auch der Erwachsenenbildung aktiv betreiben, inhaltlich und methodisch unterstützen sowie finanziell fördern. Ein Beispiel dafür sind die Architekturtage Österreich, die alle 2 Jahre bundesweit stattfinden und gemeinsam von der Architektur und Ingenieurkammer, der Architekturstiftung und den in jedem Bundesland tätigen Architekturhäusern veranstaltet werden und von großem öffentlichen Interesse sind. Einen ganz selbstverständlichen Teil machen dabei auch die Präsentationen von Schul- und Kinderprojekten aus, die mittels Ausstellungen oder Filmen präsentiert werden. Um Kooperationen von Kunstpädagogen und Bauschaffenden noch stärker und von Beginn an zu fördern, wurde an den Universitäten Wien eine Arbeitsgruppe „Architekturvermittlung an Universitäten“ gegründet. Auf diese Weise soll die Verankerung als Fach in der Lehre angestrebt, die Grundlagenforschung gefördert und der Austausch von Lehrenden und Studierenden ermöglicht werden. Zielstellung ist, in ganz Österreich die stärkere Etablierung von Architektur und Baukultur in der Pädagogenausbildung und die universitäre Verankerung der Architekturvermittlung. Ein Anliegen, was auch in Deutschland auf der Agenda der Akteure steht. 


Auditorium mit Ingrid Westerboer, Dr. Barbara Feller und Silke Bausenwein (Mitte) 


Projekttische mit Dagmar Hinke (links) und Stephanie Reiterer (rechts)


Büchertisch mit  Sabina Sommerer, Cornelia Becker, Ingrid Westerboer und Daniela Dombrowsky (von links)

Als geeignetes Mittel bei der künftigen Umsetzung von Schulprojekten hierzulande ist das nächste Ziel, die Kooperation von Pädagogen und Architekten von Anfang zu fördern und zu unterstützen, um so die Zusammenarbeit der Disziplinen zu stärken. Dabei können sowohl Konzepte besser und enger aufeinander abgestimmt werden, wie auch die Inhalte auf Altersstufe, Vorwissen und die jeweiligen Rahmenbedingungen angepasst werden. Der Architektur selbst kommt dabei, wie am Beispiel der Otto-Schwerdt-Mittelschule erlebt, insbesondere hinsichtlich der Wahrnehmung eine wichtige Mittlerrolle zu. Sie kann, unterstützt durch engagierte und durch architekturinteressierte Lehrer, die Neugier der Schüler hinsichtlich Baukultur wecken, aber auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Fachbereichen ermöglichen. Inhaltliche Aufgabe der Schulen wird künftig noch stärker als bisher sein, die kognitiven Grundlagen, wie Wissen und Kompetenz im Bereich Architektur und Baukultur zu schaffen als Basis für die Vermittlung von Motivation und Begeisterung für die gebaute Umwelt. Wie an den im Symposium vorgestellten Beispielen aufgezeigt, bilden sie maßgeblich die Grundlage für die Wahrnehmung, Aneignung und Mitgestaltung von Architektur und Stadt. Die langfristige Zielstellung der Architekturvermittlung sollte sein, die bei Laien wahrgenommene Grenze zwischen Architektur und der gebauten Umwelt aufzuweichen, den Zusammenhang von Gestaltung und Nutzung erlebbar machen und letztendlich die Erziehung unserer Schüler zu baukulturell interessierten, aktiven und kreativen Zeitgenossen.

Text: Anke Romanow – Fotos: Stephanie Reiterer und Ingrid Westerboer download: Rückblickdownload Vorträge: Bausenwein, Rambow 

 
 
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